Unterricht im Garten

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Viele Stadtkinder wissen nicht, wie Kartoffeln wachsen und wie man Getreide sät. Im Umweltbildungszentrum FlorAtrium in Bremen können sie es lernen. Auf dem 10.000 Quadratmeter großen Gelände sind regelmäßig Schüler und Kitakinder in den Sommermonaten zu Gast. Der Landesverband der Gartenfreunde Bremen bietet damit ein einzigartiges Angebot.

„Die Keime müssen nach oben“

„Frau Brünn, wie rum muss ich die Kartoffel noch mal einpflanzen?“ Unschlüssig steht Jan neben dem Beet und dreht die Knolle in seinen Händen hin und her. Auf der einen Seite ist sie glatt, auf der anderen sind kleine, grünliche Triebe zu erkennen. Oder sind das die Wurzeln? Sylke Brünn weiß Rat. „Die Keime müssen nach oben, damit die Kartoffel richtig herum wachsen kann“, antwortet die Diplom-Biologin, die an diesem sonnigen Morgen mit dem Siebenjährigen und seinen Klassenkameraden auf dem Gelände des Umweltbildungszentrums FlorAtrium in Bremen Kartoffeln setzt.

30 Jahre Beratung für Kleingärtner

Jan mag Kartoffeln, doch selbst gepflanzt hat er sie noch nie – so wie die meisten Kinder aus der 2b der Grundschule Augsburger Straße. Aus dem Bremer Stadtteil Findorff sind sie nach Horn-Lehe gekommen, in den Lehr- und Erlebnisgarten von FlorAtrium. Vielen Kleingärtnern in der Hansestadt ist das Beratungszentrum ein Begriff, das vor 30 Jahren vom Landesverband der Gartenfreunde Bremen gegründet wurde. Schließlich können sie sich hier nicht nur ansehen, wie man eine Kräuterspirale anbaut, Bienen hält oder ökologisch gärtnert. Sie können sich hier auch für ihren Kleingartenverein zu ehrenamtlichen Fachberaterinnen und -beratern ausbilden lassen, damit sie erklären können, auf welche Weise man Obstbäume richtig schneidet, wie man gesunde Tomaten zieht und was man tun kann, damit die Schnecken (vielleicht) den Salat verschonen.

Zwanzig Projekte allein für Kitas und Schulen

Das FlorAtrium schult aber nicht nur erwachsene Gartenfans, sondern auch den Nachwuchs. Vor allem von Frühjahr bis Herbst ist nahezu an jedem Tag etwas los auf dem rund 10.000 Quadratmeter großen Gelände: Kita-Kinder lernen, Mangold, Salat und Mais in Kisten anzupflanzen. Schülerinnen und Schüler aus Grund- und weiterführenden Schulen erforschen mit Becherlupen und Keschern die Lebewesen in Tümpel und Wiesen, legen Hügelbeete an, setzen Kartoffeln oder säen Getreide, das sie später ernten und verarbeiten. „Wir haben derzeit zwanzig verschiedene Projekte im Angebot – je nachdem, wie alt die Kinder sind und was jahreszeitlich gerade draußen los ist“, sagt Sylke Brünn, die im FlorAtrium den Bereich Umweltbildung koordiniert.

Kinder können Zusammenhänge begreifen lernen

Das Kartoffel-Projekt ist bei den Schulen sehr beliebt. Kinder wie Jan lernen dabei nicht nur, wie man die Knollen richtig anbaut und erntet. Sylke Brünn erklärt ihnen auch, woher die Kartoffeln ursprünglich stammen, wie viele davon hierzulande verzehrt werden und dass es neben den blassgelben Sorten auch rote, blaue und violettfarbene gibt. „Uns ist es wichtig, immer auch einen Bezug zum Lebensalltag und zur Landwirtschaft herzustellen, damit die Kinder Zusammenhänge begreifen lernen“, sagt die Diplom-Biologin.

Auch die Sprache wird im Gartenbeet gefördert

Nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Sprachförderung findet im FlorAtrium statt. So lernen Kindergartenkinder, anhand einer bildlichen Anleitung Feuerbohnen anzusäen. Das Vorgehen sollen sie dann nicht nur ihren Mitgärtnerinnen und Mitgärtnern erklären, sondern später auch einer anderen Gruppe in der Kita. „Diese Übung verknüpft Gartenwissen, Wortschatz und Sprachkompetenz auf sehr komplexe Weise. Die Kinder müssen ja beim Erklären eine bestimmte Reihenfolge einhalten, damit die Aussaat klappt“, erklärt Brünn.

Offene und inklusive Angebote

Neben den Veranstaltungen für Schulen und Kindergärten werden zudem nachmittags offene Einzelveranstaltungen zu Fledermäusen, Wildkräutern oder Bernstein angeboten. Aber auch feste Gruppen werden betreut, so wie die Gartengruppe „inklusiv“, in der Kinder mit und ohne besonderen Anforderungen lernen, Gemüse, Salate und Blumen auszusäen, sie zu ernten und daraus leckere Gerichte zuzubereiten.

Netzwerk für lokale Lern- und Schulgärten

Für Schulklassen und Kindergruppen, die nicht nach Horn-Lehe kommen können, hat das FlorAtrium zudem zwei Netzwerke ins Leben gerufen: die Schulgarteninitiative, bei der sich Lehrkräfte fortbilden lassen und vernetzen können, sowie das Lerngarten-Netzwerk Bremen – laut Brünn ein bislang einzigartiges Projekt bundesweit. Seit dem Jahr 2003 können dabei Kitas und Schulen bei Kleingartenvereinen im Stadtteil eigene Lerngärten anlegen, die dann von den kleinen und großen Hobby-Gärtnern gemeinsam betreut werden. „Auf diese Weise wollen wir wohnortnahe, grüne Lernorte für Kinder in den Stadtteilen installieren und die Kooperation zwischen den pädagogischen Einrichtungen und den Kleingartenvereinen stärken“, sagt Brünn, die die Netzwerke koordiniert.

3.800 Kinder und Jugendliche pro Jahr

Mehr als 3.800 Kinder und Jugendliche nehmen laut Brünn jedes Jahr an den Veranstaltungen von FlorAtrium teil. Finanziell unterstützt werden die Projekte und Kooperationen aus öffentlichen Fördermitteln. Einen Teil der Finanzierung sowie den Unterhalt des FlorAtriums stemmt der Landesverband der Gartenfreunde Bremen mit seinen rund 17.000 Mitgliedern, die in mehr als 100 Vereinen in Bremen und Bremerhaven organisiert sind, jedoch selbst. „Mit dem FlorAtrium und seinen Angeboten insbesondere für Kinder und Jugendliche hat der Landesverband der Gartenfreunde Bremen ein deutschlandweit bislang einzigartiges Angebot geschaffen“, sagt Brünn.

Auch für Erwachsene ein Erlebnis

Das sehen auch die Pädagoginnen aus Findorff so, die mit ihren Zweitklässlern erstmals den Lehr- und Erlebnisgarten besuchen. „Ich hatte schon viel über das FlorAtrium gehört. Aber ich hatte keine Ahnung, wie schön es hier ist und was wir hier alles machen können“, schwärmt Klassenlehrerin Inga Weiland, als sich ihre Schützlinge nach getaner Arbeit auf der Streuobstwiese austoben. Auch sie hat an diesem Tag zum ersten Mal eine Kartoffel gesetzt. Ihr erster Besuch im FlorAtrium wird daher gewiss nicht ihr letzter gewesen sein – und das nicht nur, weil sie und die Kinder ihre selbst gepflanzten Knollen ja auch noch ernten und essen wollen.

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